Bohrloch-Recycling

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Beim Ausbau der erneuerbaren Energien spielt Geothermie keine allzu große Rolle, sieht man einmal von Island ab. Wenn man von der Erdoberfläche in die Tiefe vordringt, findet man auf den ersten 100 Metern Tiefe eine nahezu konstante Temperatur von etwa 10° C vor. Danach steigt die Temperatur mit jeden weiteren 100 Metern, je tiefer man kommt, im Mittel um 3° C an. Für die Nutzung der Erdwärme sind folglich tiefe Bohrungen von 1.500 bis 3.000 Metern erforderlich und das ist teuer.

Die Idee des österreichischen Startups Greenwell ist es, statt neuer Bohrungen vorhandene Bohrlöcher zu nutzen, deren Erdölquelle versiegt ist. Von der Erdölindustrie werden in Österreich jährlich ca. 30 solcher Bohrlöcher aufgegeben, aber nicht nur dort. In der EU sollen es 85.000 sein und weltweit 1,2 Millionen. Greenwell will diejenigen aussuchen, die günstig liegen, um sie energetisch zu nutzen. Damit es keine Ölverschmutzungen gibt, muss das Bohrloch aber noch versiegelt werden. Danach kommt kaltes Wasser rein und heißes Wasser mit Temperaturen zwischen 35 und 70 Grad wieder raus. Für eine Stromproduktion reicht das nicht, aber das Geschäftsmodell ist hier ja auch ein anderes.

Die gewonnene klimaneutrale Energie könnte z. B. innovativen Landwirten zur Verfügung gestellt werden, um Gewächshäuser zu beheizen oder sogar eine Shrimpfarm zu betreiben. Das spart Erdgas, zumal immer mehr Verbraucher Wert auf regional erzeugte Nahrungsmittel ohne lange Transportwege legen. Bei Interesse kauft Greenwell das entsprechende Grundstück, entwickelt die Technik und verkauft schließlich die gewonnene Wärme als monatliche Flatrate an den Verbraucher. Unter dem Strich soll dies günstiger sein als der Verbrauch fossiler Energien, ganz abgesehen von den eingesparten Tonnen von CO2. Die ersten Feldversuche sollen in Tschechien und Österreich stattfinden.

Greenwell hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten fünfzehn Jahren auf diese Weise 1.000 alte Bohrlöcher umzunutzen. Eine geniale Idee, die ganz einfach erscheint und doch muss man erst einmal darauf kommen. Die beiden Startup-Gründer haben viele Jahre für die Ölindustrie gearbeitet und sind Experten, was Bohrlöcher betrifft.

Autor: Doris Höflich, Market Intelligence Senior Expert, SVP Deutschland AG
Quelle: Trends der Zukunft / Standard 22.10.2021, https://www.derstandard.de/story/2000130626736/wie-ein-startup-saubere-energie-aus-alten-bohrloechern-gewinnen-will