Digitaler Nachholbedarf im deutschen Gesundheitswesen

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Dass Deutschland im europäischen oder internationalen Vergleich eher zu den Schlusslichtern in der Digitalisierung des Gesundheitswesens gehört, ist Fakt. In einer Selbsteinschätzung im Rahmen des „DigitalRadars“ gaben nun 1.616 Krankenhäuser ihren digitalen Reifegrad in einem breiten Feld zwischen 3,27 und 63,87 von 100 möglichen Punkten an. Der Durchschnittswert aller beteiligten Krankenhäuser lag bei 33,25 Punkten. Somit befinden sich die meisten Krankenhäuser insgesamt in einem „ungesunden Mittelmaß“, so die wissenschaftliche Leiterin von DigitalRadar, Sylvia Thun vom Berlin Institute of Health. Zur Teilnahme am DigitalRadar sind Krankenhäuser verpflichtet, die Fördermittel im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KZHG) beantragen.

Was sind die Ursachen für die verzögerte Digitalisierung? Das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe hat dies untersucht und Handlungsempfehlungen daraus abgeleitet.
Zu den Hemmnissen der Digitalisierung gehörten der Studie nach:

  • die mangelnde und häufig viel zu späte Beteiligung der unterschiedlichen Interessengruppen,
  • die hohen Datenschutzregelungen bzw. nicht nachvollziehbaren Verantwortlichkeiten beim Datenschutz
  • die geringe Nutzung bereits bestehender digitaler Angebote wie der elektronische Medikationsplan oder das Notfalldatenset.

Zwar bilden die Gesetzesinitiativen des früheren Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) eine wichtige Grundlage für die Beschleunigung der Digitalisierung, aber es seien weitere politische Initiativen nötig, um digitale Anwendungen in der Breite verfügbar zu machen und spürbare Mehrwerte zu schaffen. Insbesondere die beiden zentralen Akteursgruppen im Gesundheitssystem – Patienten und Gesundheitsberufe – müssen überzeugt werden. Auch der Ausbau einer leistungsfähigeren Internet-Infrastruktur, die Entwicklung einer E-Health-Strategie, eine bessere Vernetzung im Gesundheitssystem sowie eine deutliche Verbesserung der IT-Sicherheit in Gesundheitseinrichtungen könnten die Digitalisierung beschleunigen.

Smart Hospital
Natürlich gibt es bereits Bemühungen im kleineren sowie im größeren Rahmen die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. So wurde an der Universitätsmedizin Essen die Digitalisierung zur Chefsache erklärt und eine Lenkungsgruppe von 30 Mitarbeitenden gebildet, die in einzelnen Arbeitsgruppen verschiedene Module zur Realisierung des Smart Hospital erarbeitet haben. Zu den Modulen zählt unter anderem der Aufbau eines Serviceinformationscenters, über das die Patienten das Krankenhaus immer erreichen könnten. Zudem sei die Notaufnahme komplett digitalisiert und papierlos gemacht worden.

Digitale sektorübergreifende Notfallversorgung
Mit dem Modellprojekt SaN (Sektorenübergreifende ambulante Notfallversorgung) soll in Hessen die sektorenübergreifende Notfallversorgung verbessert werden, so dass Patientinnen und Patienten schneller an die richtige Stelle im Gesundheitswesen gelangen – sei dies die Arztpraxis oder das Krankenhaus. Die technische Verzahnung des ambulanten und stationären Sektors mit den Rettungsdiensten ist dafür die Grundvoraussetzung. Hierzu werden die Leitstellen des Rettungsdienstes und der Kassenärztlichen Vereinigung technisch verknüpft, die Partnerpraxen an das Kapazitätsplanungssystem der Kliniken (IVENA) angeschlossen und eine Software (SmED) eingeführt, die eine einheitliche medizinische Ersteinschätzung gewährleistet.

Das Modellprojekt läuft vom 1. April 2022 bis zunächst Ende März 2024 in den Landkreisen Main-Kinzig, Main-Taunus-Kreis und Gießen.

Autor: Thip Pruckner, Market Intelligence Expert, SVP Deutschland AG
Quelle: kma-online.de / 23.03.2022; aerzteblatt.de / 24.03.2022; aerzteblatt.de / 14.03.2022