Wenn Daten intelligent werden

KI im Market Intelligence

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeit im Market Intelligence bereits heute. Sie ermöglicht es, größere Informationsmengen schneller zu verarbeiten, wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren und relevante Entwicklungen frühzeitig sichtbar zu machen. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an die Quellenprüfung, Datenqualität und fachliche Einordnung. Entscheidend ist daher nicht die Frage, ob KI den Market Intelligence-Experten ersetzt, sondern wie Mensch und Technologie sinnvoll zusammenarbeiten können.

Wo KI im Market Intelligence unterstützen kann

Ein wesentlicher Vorteil von KI liegt in ihrer Geschwindigkeit. Märkte verändern sich kontinuierlich, neue Wettbewerber entstehen, Unternehmen veröffentlichen Produktneuheiten und regulatorische Rahmenbedingungen werden angepasst. Für Market-Intelligence-Verantwortliche bedeutet dies, eine stetig wachsende Anzahl von Quellen beobachten und auswerten zu müssen.

KI kann diesen Prozess deutlich effizienter gestalten. Sie kann Nachrichten, Unternehmenswebsites, Geschäftsberichte, Pressemitteilungen, Studien oder Patentinformationen durchsuchen, Inhalte thematisch einordnen und erste Zusammenfassungen erstellen. Dadurch reduziert sich der manuelle Aufwand für die Informationsbeschaffung und -strukturierung.

Besonders hilfreich ist KI bei folgenden Aufgaben:

Praxisbeispiel 1: Automatisiertes Marktmonitoring

  1. Ausgangssituation: Große Informationsmenge
    Ein Unternehmen möchte regelmäßig beobachten, wie sich sein Markt, seine Wettbewerber und relevante Technologien entwickeln. Dafür werden monatlich mehrere Hundert Artikel, Unternehmensmeldungen und Fachbeiträge gesammelt.
  2. Herausforderung: Manuelle Auswertung
    Ohne technologische Unterstützung müssten die Inhalte einzeln gelesen, bewertet und den jeweiligen Themenfeldern zugeordnet werden.
  3. KI-Unterstützung: Vorsortieren und Verdichten
    Ein KI-gestützter Prozess kann die Meldungen zunächst nach definierten Kriterien sortieren, beispielsweise nach Wettbewerbern, Technologien, Regionen und Anwendungsfeldern. Anschließend erstellt das System kurze Zusammenfassungen und hebt potenziell relevante Entwicklungen hervor.
  4. Expertenbewertung: Vom Signal zur Erkenntnis
    Der MI-Experte prüft anschließend die wichtigsten Meldungen, bewertet ihre Relevanz und ordnet sie in den Markt- und Unternehmenskontext ein.
    Beispiel: Eine Meldung über eine neue Produktionsanlage führt erst durch die fachliche Analyse zu strategischen Fragen: Entsteht zusätzliche Kapazität? Verändert sich die regionale Wettbewerbsstruktur?
    Könnte der Wettbewerber dadurch neue Kundengruppen erschließen?

KI beschleunigt die Sichtung und Strukturierung der Informationen. Die strategische Bewertung und Einordnung bleibt Aufgabe des Experten.

Praxisbeispiel 2: Wettbewerbsanalyse

  1. Ausgangssituation: Wettbewerber systematisch beobachten
    Bei Wettbewerbsanalysen werden zahlreiche Informationen zu Unternehmen gesammelt, beispielsweise zu Produkten, Standorten, Partnerschaften, Investitionen und personellen Veränderungen.
  2. KI-Unterstützung: Informationen sammeln und strukturieren
    KI kann diese Informationen automatisiert erfassen, bündeln und nach relevanten Kategorien strukturieren. Dadurch entsteht schneller ein erster Überblick über die Aktivitäten und Veränderungen eines Wettbewerbers.
  3. Herausforderung: Entwicklungen richtig interpretieren
    Die eigentliche Schwierigkeit liegt in der Bewertung der beobachteten Entwicklungen.
    Beispiel: Eine neue Kooperation kann auf einen geplanten Markteintritt hindeuten – muss es aber nicht. Auch die Erweiterung eines Standorts kann unterschiedliche Ursachen haben wie steigende Nachfrage, Verlagerung von Produktionskapazitäten, Modernisierung bestehender Anlagen.
  4. Expertenbewertung: Vom Hinweis zur belastbaren Einschätzung
    Um solche Entwicklungen richtig einzuordnen, müssen verschiedene Quellen miteinander verglichen und durch Branchen- und Marktkenntnisse ergänzt werden. Zusätzlich können beispielsweise Experteninterviews, Gespräche mit Marktteilnehmern oder Analysen regionaler Rahmenbedingungen notwendig sein.

KI liefert schnell relevante Hinweise und schafft Transparenz. Die belastbare Interpretation und Ableitung einer Wettbewerbsstrategie bleibt jedoch Aufgabe des Experten.

Praxisbeispiel 3: Analyse neuer Marktpotenziale

  1. Ausgangssituation: Neue Anwendungsfelder identifizieren
    Ein Hersteller möchte prüfen, ob seine bestehende Technologie auch in anderen Branchen oder Anwendungsfeldern eingesetzt werden könnte. Dabei stellt sich zunächst die Frage, welche Märkte grundsätzlich infrage kommen.
  2. KI-Unterstützung: Potenzielle Märkte recherchieren
    KI kann dabei helfen, erste Marktchancen systematisch zu identifizieren und zu strukturieren, beispielsweise durch die Recherche von ähnlichen Anwendungsfällen, relevanten Branchen und Märkten, geeigneten Suchbegriffen, potenziellen Kunden und Unternehmen, bestehenden technologischen Lösungen. Dadurch entsteht schnell ein erster Überblick über mögliche neue Einsatzfelder.
  3. Herausforderung: Marktpotenzial realistisch bewerten
    Eine theoretische Anwendungsmöglichkeit bedeutet jedoch noch nicht, dass ein Markt auch wirtschaftlich attraktiv ist. Für eine belastbare Bewertung müssen unter anderem folgende Faktoren untersucht werden wie Marktgröße und Wachstum, Kundenanforderungen, Wettbewerbsintensität, regulatorische Vorgaben, notwendige technische Anpassungen und Vertriebs- und Marktzugangswege.
  4. Expertenbewertung: Von der Marktidee zur Geschäftschance
    Ein Markt kann technologisch interessant erscheinen, aber wirtschaftlich dennoch wenig attraktiv sein – beispielsweise aufgrund langer Zulassungsprozesse, geringer Stückzahlen oder etablierter Lieferantenstrukturen. Für die abschließende Bewertung sind daher methodisches Vorgehen, Branchenwissen und häufig auch direkte Gespräche mit potenziellen Kunden oder Branchenexperten erforderlich.

KI hilft dabei, neue Marktchancen schneller zu identifizieren und erste Hypothesen zu entwickeln. Ob daraus tatsächlich ein attraktives Marktpotenzial entsteht, muss jedoch durch eine fundierte Expertenanalyse bewertet werden.

Wo die Grenzen von KI liegen

KI-Systeme erzeugen Ergebnisse auf Grundlage vorhandener Daten und erkannter Muster. Sie können jedoch Informationen falsch interpretieren, Quellen miteinander vermischen oder Aussagen formulieren, die plausibel klingen, jedoch nicht ausreichend belegt sind. Außerdem verwendet KI bei der Untersuchung von Innovationen und neuen/disruptiven Technologien teilweise verjährte Nachrichten. Das waren zu den entsprechenden Jahren womöglich Innovationen und Trends, können aber heute schon „veraltet“ sein.

Zu den wichtigsten Grenzen gehören:

Fehlende Quellenverlässlichkeit
Nicht jede automatisch erzeugte Antwort basiert auf einer belastbaren oder aktuellen Quelle. Angaben müssen deshalb überprüft und nach Möglichkeit durch mehrere unabhängigen Quellen bestätigt werden.

Begrenztes Kontextverständnis
KI kennt nicht automatisch die strategischen Ziele, Produkte, Kundenstrukturen oder internen Prioritäten eines Unternehmens. Ohne diesen Kontext kann sie die Bedeutung einer Information nur eingeschränkt bewerten.

Unzureichende Markttransparenz
Gerade in kleinen B2B-Märkten, Nischenmärkten oder technologisch jungen Bereichen sind häufig nur wenige öffentlich zugängliche Daten verfügbar. Hier reichen automatisierte Recherchen allein nicht aus.

Fehlende menschliche Einschätzung
Marktentwicklungen sind nicht ausschließlich datengetrieben. Beziehungen zwischen Unternehmen, Kundenverhalten, Entscheidungsprozesse oder regionale Besonderheiten lassen sich häufig erst durch Interviews und langjährige Markterfahrung verstehen.

Datenschutz und Vertraulichkeit
Bei der Nutzung interner Dokumente, Kundendaten oder strategischer Informationen muss genau geprüft werden, welche Systeme eingesetzt werden und wie die Daten verarbeitet werden.

Welche Rolle der MI-Experte künftig übernimmt

Mit dem zunehmenden Einsatz von KI verschiebt sich der Schwerpunkt der Market Intelligence-Arbeit. Weniger Zeit wird für repetitive Rechercheaufgaben benötigt. Dafür gewinnen Quellenprüfung, Interpretation und strategische Beratung weiter an Bedeutung.

Der MI-Experte entscheidet, welche Fragestellungen untersucht werden, welche Quellen geeignet sind und wie belastbar die Ergebnisse sind. Er erkennt Widersprüche, hinterfragt automatisch erzeugte Aussagen und verbindet einzelne Informationen zu einem Gesamtbild. Vor allem übersetzt er Marktinformationen in konkrete Handlungsempfehlungen für das Unternehmen.

Die zentrale Kompetenz besteht damit nicht nur darin, Informationen zu finden. Entscheidend ist, aus vielen Einzelinformationen eine belastbare Grundlage für strategische Entscheidungen zu entwickeln.

Fazit

KI bietet im Market Intelligence große Möglichkeiten. Sie beschleunigt Recherche, Monitoring und Strukturierung und schafft mehr Raum für Analyse und Beratung. Ihre Ergebnisse sind jedoch nur dann wertvoll, wenn sie kritisch geprüft, fachlich eingeordnet und mit weiteren Quellen ergänzt werden.

Der größte Mehrwert entsteht deshalb nicht durch KI allein. Er entsteht durch die Verbindung von Technologie, methodischer Marktanalyse, Branchenwissen und menschlicher Erfahrung.

Quelle: SVP-Research